Der erste clásico des Jahres im Camp Nou

Eine einzigartige Atmosphäre

20 Minuten nach Zehn ist es in der katalanischen Hauptstadt. Eine kühle Brise weht vom Meer durch das Camp Nou und gewährt für einen kurzen Moment ein wenig Abkühlung von der erdrückenden Schwüle, die an diesem besonderen Donnerstag dort herrscht. Sie trägt die typischen Gerüche dieses alten Stadions mit sich: die vermodernden Wände, den Schweiß der Zuschauer, die Bratwürste, die im Inneren des mächtigen Baus zubereitet werden, und irgendwo hinter mir wird ein Joint herum gereicht. Auch die vielen Touristen, die sich ihren Weg hierher teuer erkauft haben können diese Atmosphäre nicht nachhaltig verändern. 78 Euro kostet ein Sitzplatz im dritten Rang für Nicht-Mitglieder.

Es ist die Nacht des Hinspiels des spanischen Supercups der Saison 2012/13. Die Supercopa, der Meister gegen den Pokalsieger, FC Barcelona gegen Real Madrid oder einfach: el clásico. Das wohl meist beachtete Derby der Welt. Die Spannung ist überall greifbar, und um 22:21 Uhr entlädt sie sich auf einen Schlag. Katalanische Schimpfwörter fliegen durch die Luft, alte, dicke Männer springen voller Empörung auf, über 90.000 Kehlen schreien und pfeifen: die Spieler in den weißen Trikots haben soeben den Rasen betreten.

Nachdem die Namen der Geächteten durch die Lautsprecher des Stadions verkündet werden, schlägt die Wut in totale Begeisterung um, denn nacheinander betreten die wie Götter verehrten Fußballer in Blau und Rot den Platz. Xavi Hernández, Andres Iniesta und Lionel Messi treten an gegen Sergio Ramos, Xabi Alonso und Cristiano Ronaldo. Über eine Milliarde Euro an theoretischem Transferwert befinden sich nun auf dem Spielfeld, wahrscheinlich die beiden besten Fußballmannschaften des Planeten messen sich in dieser Saison zum ersten Mal miteinander.

Die ersten Zweifel

Der Supercup ist der erste Gradmesser zur Bestimmung der diesjährigen Kräfteverhältnisse. Für die spanische Liga, aber auch für die Championsleague. Dieses Jahr sind die cules, wie die Anhänger des FC Barcelona hier heißen, nicht mehr so selbstbewusst wie in den vergangenen Jahren, auf die Frage wie das Spiel ausgehen würde verziehen viele unsicher das Gesicht oder weichen mit einem „ein gutes Spiel ohne Verletzte, zum Glück spielt Pepe nicht“ aus. Nur wenige antworten wie es die vergangen Jahre vor einem clasico üblich war, mit einem „4:1“ oder „Messi schießt den Hattrick“.

Der Anstoß

Um halb elf ist es dann endlich soweit, mit dem Anpfiff sind alle Spekulationen und Zweifel hinfällig. Die Protagonisten beider Mannschaften sind dieselben, die sich auch letztes Jahr gegenüberstanden. Bei Barcelona spielen zunächst weder der erst vor wenigen Tagen verpflichtete Mittelfeldspieler Song, noch Jordi Alba, bei Real Madrid gibt es zu diesem Zeitpunkt keinen bestätigten Transfer; und auch die Partie gleicht zunächst den Duellen der letzten Jahre: der FC Barcelona macht das Spiel, hat fast durchgehend den Ball – am Ende sollten es 69% der Zeit sein – und Real Madrid ist bei gegnerischem Ballbesitz zumeist mit allen Spielern in der eigenen Hälfte und beschränkt sich auf die Verteidigung mit zwei Abwehrreihen, einzig Karim Benzema bleibt als Spitze weiter vorne, um auf Konter zu lauern.

Mit Beginn der Partie sind die Zuschauer wie gefesselt, alle sind ausschließlich mit dem Spiel beschäftigt,- schreien, fluchen, warnen die Spieler ihrer Mannschaft vor dem Hintermann. Ab und zu singt das gesamte Stadion einen der bekannten Schlachtgesänge des FC Barcelona. Keine Ultragruppierung, die mit „Dauersupport“ die Verantwortung für die Stimmung im Stadion übernimmt, keine Bengalischen Feuer. Hier gibt es nichts außer diesem Spiel. Die einzige Ausnahme bilden ein paar Touristen, die das Spiel ausschließlich durch den Bildschirm ihrer Digitalkamera verfolgen.

Josepo, mein Sitznachbar

Mein Sitznachbar nimmt jeden Ballkontakt eines Spielers von Real Madrid zum Anlass, ihn mit obszönen katalanischen Flüchen zu belegen, und besonders die harte Spielweise des Hauptstadtklubs kommentiert er mit tiefster Verachtung. Nach jedem härteren Einsteigen bekomme ich einen Vortrag über die angebliche Berufswahl der Mutter des jeweiligen Spielers, doch als Javier Mascherano einen Vorstoß von Fabio Coentrao, dem königlichen Linksverteidigers, auf rabiate Art und Weise stoppt, entfährt ihm ein entzücktes „Nimm das!“.

Die erste Halbzeit geht ohne größere Zwischenfälle zu Ende, aber im Stadion ist man sich einig, dass der Schiedsrichter eindeutig ein blanco, also ein Anhänger von Real Madrid, ist.

In der Pause drängen Massen von Zuschauern zu den kleinen überfüllten Ständen, an denen Bocadillos und Getränke verkauft werden. Um an den Tresen zu gelangen, muss man sich erst bei kaum auszuhaltender Hitze durch ein Knäuel von Menschen kämpfen, um dann, noch viel durstiger als zuvor, zu sehr hohen Preisen ein Wasser zu erwerben.

Die zweite Hälfte

Pünktlich zu Beginn der zweiten Hälfte des clasicos sind, wie durch ein Wunder, den langen Wartezeiten zum Trotz, fast alle Plätze wieder besetzt, nur einige blonde Männer in gefälschten Barcatrikots trudeln nach und nach, wenige Minuten nach Anpfiff, vollbeladen mit Broten und Plastikflaschen bei ihren Sitzen ein. Gerade rechtzeitig, um die Flugbahn der von ihrem vermutlichen Landsmann Mesut Özil getretenen Ecke zu beobachten, die genau auf dem Kopf von Cristiano Ronaldo endet und von dort unaufhaltsam in die Maschen des Tores von Victor Valdes, und so auch mitten in das stolze katalanische Herz schießt. Entsetzen. 0:1 (55.). Für Real Madrid. Der erste Torschuss. Typisch. Und dann auch noch ausgerechnet Ronaldo, der Spieler, der in den Augen der cules all das verkörpert, was sie an Real Madrid so sehr verabscheuen.

Die Wende durch Pedro

Nach wenigen Sekunden stimmt das gesamte Stadion ein trotziges „Barca! Barca!“ an und reißt so sich selbst und auch die Mannschaft aus der Schockstarre, um nur wenige Momente später in einen unbändigen Jubel zu verfallen. Ein langer Ball von Mascherano landet genau im Lauf von Pedro, der gekonnt zum 1:1 (56.) vollendet. Die Stimmung im Camp Nou ändert sich innerhalb von 2 Minuten von einem Extrem ins andere und wieder zurück. Jetzt ist man sich sicher, dass die Blau-Roten als Sieger hervor gehen werden. „Die haben keine Chance mehr“, raunt mir mein Sitznachbar zu, der mir noch vor wenigen Sekunden zu verstehen gegeben hatte, dass der Supercup verloren ist.

Tatsächlich wirkt es nun so, als hätte die Mannschaft in weiß dem Spiel der Katalanen nichts mehr entgegenzusetzen, und zehn Minuten nach dem Ausgleich kommt Iniesta nach einer Grätsche von Ramos im Strafraum zu Fall. Strafstoß. „Messi! Messi!“ hallt es sofort durch das Camp Nou. Den Jubelschrei schon auf den Lippen, beobachten die Anhänger des FC Barcelona, wie sich der dreimalige Weltfußballer den Ball zurecht legt. Ein kurzer Anlauf. Die Blitze der Kameras auf den Rängen beginnen wild durch das Stadion zu zucken. Iker Casillas springt in die falsche Ecke, das 2:1 (69.). Wieder verneigen sich 90.000 Menschen vor dem kleinen Argentinier.

Der Wunsch nach Demütigung

Das Stadion hat sich nun in eine hungrige Wand aus Menschen verwandelt, die mehr will. Mehr Barca, mehr Ballbesitz, mehr Tore. Und sie bekommt mehr. Andres Iniesta, der schon das ganze Spiel dominiert hatte, bekommt den Ball in der Hälfte der Madrilenen. Mit unnachahmlicher Leichtigkeit lässt er drei der weltbesten Verteidiger ins Leere rutschen und spielt zum zweiten großen Akteur des Abends, den Kapitän, Xavi Hernandez, der den Ball zum 3:1 an Iker Casillas vorbei schiebt (76.). Ein Traumtor, das das Camp Nou explodieren lässt. Die Zuschauer skandieren den Namen des Vorlagengebers, kurz nach dem Tor gehen zwei „La Olas“ gleichzeitig durch das Rund und man erwartet nun nichts anderes als die Demütigung des großen Rivalen in Weiß. Und fast geschieht es auch: In der 85. Minute steht Lionel Messi plötzlich ganz alleine vor Casillas, aber scheitert am Torwart, und während man sich hinter vorgehaltener Hand noch über den Argentinier beschwert, fährt Real Madrid einen gefährlichen Konter, der jedoch schnell geklärt scheint.

Victor Valdés und der Schönheitsfehler

Victor Valdés bekommt einen Pass von Adriano, doch kann ihn nicht richtig kontrollieren. Der eingewechselte Di Maria hat genau darauf spekuliert, und anstatt den Ball vor dem heranstürmenden Madrilenen wegzuschlagen, entscheidet sich der katalanische Torhüter, in das Dribbling zu gehen.

Der flinke Flügelspieler nutzt diesen Fehler eiskalt zum 3:2 (85.). Der zweite Torschuss der blancos haucht dem Hauptstadtverein wieder Leben ein und versetzt das Camp Nou in Fassungslosigkeit und Wut. Das Rückspiel um den Supercup in Madrid wird nun um ein vielfaches komplizierter für den Titelverteidiger. Der Rest des Spiels wird für mich zum Intensivkurs in katalanischen Kraftausdrücken. Objekt des Zorns sind abwechselnd Victor Valdés und der Schiedsrichter während der letzten acht Minuten. Nicht einmal der Schlusspfiff kann die aufgebrachten Zuschauer beruhigen. Erst als die Hymne des FC Barcelona „Tot al camp“ aus den Stadionlautsprechern dröhnt, beenden die cules ihre Schimpftiraden um mit stolzgeschwellter Brust ihren Verein zu besingen. Zum Abschied grinst mir mein Sitznachbar noch einmal verschmitzt zu. „Vaya Partidazo“ sagt er,  während er sich umdreht, „Was für ein Wahnsinns Spiel“.

 

Der FC Barcelona nach der Ära Guardiola

Der Rücktritt des Titelsammlers

Über einen Monat ist es nun her, dass eine Pressekonferenz ganz Katalonien schockierte. Pep Guardiola, der Liebling der Fans, der Wundertrainer verabschiedete sich von seinem Verein, dem FC Barcelona. In 4 Jahren hatte man unter ihm 14 Titel geholt, drei Mal die Meisterschaft, zwei Mal den Pokal und

Nach 14 Titeln verlässt Pep Guardiola den FC Barcelona

Nach 14 Titeln verlässt Pep Guardiola den FC Barcelona

zwei Mal die Championsleague, eine unglaubliche Bilanz. Trotz der großen Überraschung die der Rücktritt auslöste,  hatte er sich eigentlich schon länger angedeutet. Guardiola wirkte müde, haderte öffentlich des Öfteren mit der Mannschaft und dem Spiel, und man verlor die Meisterschaft zum ersten Mal in seiner Amtszeit an den Erzrivalen aus Madrid. Verdient.

 

Über die Provinz auf die Weltbühne

Die Frage der Nachfolge war öffentlich schnell geklärt, Guardiolas Co-Trainer Francesc Vilanova i Bayó, genannt Tito, hat nun die schwierige Aufgabe, in die großen Fußstapfen seines ehemaligen Chefs zu treten. Vilanova spielte zu seiner aktiven Zeit gemeinsam mit Guardiola in der zweiten Mannschaft des FC Barcelona, schaffte von dort allerdings nicht den Sprung in den Profikader und spielte später unter Anderem bei Celta Vigo und RCD Mallorca. Nach seiner aktiven Laufbahn begann er als Trainer des FC Parafrugell, einem unterklassigen Verein in einer Kleinstadt im Norden Kataloniens, und wurde später Sportdirektor bei Terassa FC. 2007 dann die Rückkehr zur zweiten Mannschaft des FC Barcelonas, diesmal als Assistenztrainer seines ehemaligen Mitspielers Pep Guardiola. Nach dem Aufstieg in die zweite Liga und der Entlassung von Profitrainer Frank Rijkaard übernahm das Duo in der Saison 2008/2009 die erste Mannschaft des FC Barcelona.  Der Rest ist Geschichte.

Ein Nobody für das Starensemble

Dass die Vergabe des wohl begehrtesten Trainerpostens im Jahr 2012 an den 42 Jährigen Vilanova ging, der noch nie eine Profimannschaft alleine trainiert hat, ist mutig, passt aber genau in die Barça-Philosophie . Tito kennt die Spielweise des Vereins seit seiner Jugend und braucht keinerlei Adaptionszeit im Vergleich zu anderen, wenig überzeugenden externen Alternativen wie beispielweise Rafael Benítez. Ein weiterer Faktor der wohl zur Wahl Vilanovas führte, war die Nähe zur Mannschaft. Über die letzten vier Jahre ist der ehemalige Mittelfeldspieler, ein immer wichtigerer Faktor in der Mannschaft geworden und genießt große Sympathien bei den Spielern. Dies wurde besonders deutlich während seiner Tumorerkrankung im November des vergangen Jahres, als die Spieler das Championsleaguespiel gegen den AC Mailand nutzten um ihrem damaligen Assistenztrainer gute Besserung zu wünschen.

Eine Frage des Respekts

Doch genau diese Nähe zur Mannschaft birgt neben der mangelnden Erfahrung Titos die größte Gefahr für das Projekt Vilanova, denn auch wenn die Spieler wiederholt beteuern, dass sie ihrem neuen Cheftrainer vertrauen, ist er über die letzten 4 Jahre vielleicht emotional zu sehr an die Mannschaft heran gewachsen. Er galt als Kumpeltyp, ein freundlicher Zeitgenosse, mit dem man mal einen Scherz machen konnte, aber auch über den man lachen konnte. Auf einem Youtube Video kann man beobachten wie während eines Freundschaftsspiels zunächst Lionel Messi, dann Andres Iniesta und Gerard Pique ihrem Vorgesetzten auf dem Hinterkopf hauen und die Schuld dem jeweils Anderen zuschieben. Ein harmloser Spaß könnte man sagen, doch gleichzeitig unvorstellbar etwas Ähnliches bei Pep Guardiola zu machen. Einigen Spielern mangelt es aufgrund des fast freundschaftlichen Verhältnisses an dem Respekt der für einen Fußballtrainer bei der Arbeit mit einer Spitzenmannschaft unerlässlich ist.

Messi, Iniesta, Pique vs. Vilanova

Vilanova – Die Rückkehr zur Normalität?

Es wird ein schwieriges Unterfangen sich diesen Respekt zu erarbeiten, doch es ist noch möglich. Vilanova muss die Anfangsphase der Saison nutzen, solange die Spiele noch nicht alles entscheidend sind, die Neuverpflichtungen noch integriert werden und die Stars noch akzeptieren für ein oder zwei Spiele auf die Bank gesetzt zu werden.
Sollte ihm das gelingen, ist Vilanova die Chance für den großen FC Barcelona ein Stück Normalität in die katalanische Hauptstadt zurückzubringen. Die fast übermenschlich gewordene Erwartungshaltung an die Blaugrana wird zurückgeschraubt, aus der Fehde mit Real Madrid ist zumindest der Streit darüber wer den besten Trainer hat erst einmal erledigt und die ersten Ankündigungen des neuen Cheftrainers lassen einen mehr als nötigen Richtungswechsel in der Transferpolitik erkennen. Über 180 Millionen Euro gab man in den letzten 3 Jahren für die Offensivabteilung des Vereins aus während man in die Defensive nur 55 Millionen Euro investierte, fast die Hälfte dieser Summe verbrannte man mit dem Kauf des ukrainischen Innenverteidigers Dmytro Chygrynskiy, der mittlerweile wieder bei seinem alten Verein in Donezk spielt. Transfers wie dieser kamen zustande, da man alle Aufmerksamkeit auf die Verpflichtung von Spielern wie Ibrahimovic, Sanchez oder Fabregas legte, die Defensive wurde immer ein wenig vernachlässigt.
Vilanova möchte das ändern und setzt für die neue Spielzeit sein Hauptaugenmerk auf die Verpflichtung von zwei Verteidigern. Mit Thiago Silva und Jordi Alba sollen die beiden Wunschkandidaten schon feststehen.
Ob das Projekt Vilanova funktioniert ist die vielleicht spannendste Frage der kommenden Saison, jetzt liegt es an ihm ob er eventuell, in ein paar Jahren, wie sein Vorgänger mit der Bekanntgabe seines Rücktritts als Trainer des FC Barcelona eine ganze Region in einen Schockzustand versetzen kann.